17 NOV

2020

Circular Economy , SRI , Themen

Langlebige Produkte herstellen

Die ausufernden Mengen billiger Wegwerfprodukte und -materialien stellen ein entscheidendes negatives Nebenprodukt der Linearwirtschaft dar. Symbolhaft dafür stehen für viele Menschen die zahlreichen Bilder von Plastikmüll, der kilometerweit inmitten des Ozeans treibt. Für den Wandel zur Kreislaufwirtschaft muss sich der Fokus der Konsumgütermärkte auf langlebigeProdukte aus hochwertigen Materialien richten.

Ein dauerhafteres Produkt, das es wert ist, länger genutzt zu werden, bietet eine gute Werthaltigkeit, selbst wenn es teurer ist als das Konkurrenzprodukt. Ein besonders erfolgreicher Fall ist die Dauerwerbekampagne für die Luxusuhr Patek Philippe, die ein Marketingprofessor 2015 in einem Beitrag in The Atlantic als beste Werbekampagne aller Zeiten bezeichnete: „Eine Patek Philippe gehört einem nie ganz allein. Man erfreut sich ein Leben lang an ihr, aber eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation.“[i]

Einige Unternehmen erproben selbstreparierende Produkte, zum Beispiel bei Leder und Baustoffen. Wissenschaftler experimentieren mit Produkten aus Calciumsulfoaluminat-Zement, bei denen sich später auftretende Risse selbst schließen.[ii] Das US-Unternehmen SAS Nanotechnologies hat selbstheilende Mikrokapseln in Farbe entwickelt, die als antikorrosives Pigment wirken.

Ein weiterer Ansatz zur Verlängerung der Lebensdauer von Produkten und Materialien ist die Modularität: die Herstellung von Produkten mit einer begrenzten Zahl standardisierter und leicht zerlegbarer Komponenten, die problemlos ausgetauscht oder zu neuen Produkten kombiniert werden können. Das niederländische Unternehmen Fairphone hat ein Smartphone entwickelt, das auf eine deutlich längere Lebensdauer ausgelegt ist als herkömmliche Geräte. Sind das Display, der Akku oder sonstige Teile beschädigt, abgenutzt oder technisch überholt, so können sie vom Nutzer leicht selbst ersetzt werden. Die Käufer werden aufgefordert, Fairphones oder andere alte Smartphones in der leeren Schachtel gegen eine Rückvergütung oder einen Preisabschlag zurückzugeben.

Die Demontage zur Wiederverwendung oder Rezyklierung ist einfacher, wenn Produkte aus „Monomaterialien“ – einem einzigen Material – oder möglichst wenigen Materialien bestehen. Der deutsche Großmarktbetreiber Metro will bei Verpackungen so weit wie möglich Monomaterialien verwenden, um die Recyclingfähigkeit zu verbessern – mit dem erklärten Ziel „die Kreislaufwirtschaft zu unterstützen“. Dies erfordert hohe Aufwendungen für Forschung und Entwicklung. Doch Chemie- und Technikunternehmen reagieren auf diese Nachfrage. Ein Beispiel: Die deutsche Siemens, der spanische Maschinenbauer Bossar Packaging und das US-Verpackungsunternehmen Scholle IPN entwickelten ein Verfahren zur Herstellung einer recyclingfähigen Monomaterial-Folie. Die in zunehmendem Maße lautstarke Ökomode-Bewegung verlangt nach mehr aus reiner Baumwolle, reinem Nylon oder anderen Einzelmaterialien hergestellter Bekleidung.

Wenn Hersteller kaum eine Wahl haben, als ein Produkt aus vielen Materialien herzustellen, kann die Demontage anderweitig erleichtert werden – zum Beispiel durch den Verzicht auf Kleb- oder Gefahrenstoffe. Dies erschließt ein ganz neues Feld, die „Aktive Demontage“. Hier werden Produkte mithilfe bestimmter Materialien und Beschaffenheiten so gestaltet, dass sie als Reaktion auf bestimmte externe Impulse zerfallen. Joseph Chiodo, ein Erfinder, der ein Unternehmen mit dem Namen Active Disassembly Research führt, hat mit Mitsubishi Heavy Industries, Sony und Nokia an Forschungsprojekten auf diesem Gebiet gearbeitet. Er hat beispielsweise eine Schraube entwickelt, deren Gewinde bei Erhitzung verschwindet.

In der linearen Wirtschaft werden Gewinne erzielt, indem man so viele Produkte wie möglich aus möglichst billigen Materialien herstellt und sie so bald wie möglich durch neue Versionen ersetzt. Dabei kann es sich um Autos, mechanische Geräte oder Modebekleidung handeln. Durch den Wettbewerb in der linearen Wirtschaft verändern sich Modeerscheinungen noch schneller, da jeder Designer, jeder Smartphone-Hersteller, jeder Automobilbauer bestrebt ist, mit immer wieder neuen Looks oder neuen Modellen anzubieten, die eleganter sind, einen stärkeren „Wow“-Faktor bieten und als noch luxuriöser bei den Kunden ankommen. Daher erfordert die Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft eine signifikante Veränderung der heutigen Konsumkultur und der Werte, auf die sie sich stützt.

 

 

[i] https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2015/03/the-big-question/384984/

[ii] https://www.researchgate.net/publication/257407061_Self-healing_of_surface_cracks_in_mortars_with_expansive_additive_and_crystalline_additive