13 JUL

2020

Makro , Themen

Großbritannien: Tango wird zu zweit getanzt

Im April 2020 lag das britische Bruttoinlandsprodukt 25 Prozent unter dem Niveau am Anfang des Jahres. Ein steiler Rückgang, der jedoch den Verlusten in anderen europäischen Ländern entspricht. Den Mobilitätsindikatoren von Apple zufolge, die in Echtzeit angeboten werden (Darstellung 1), erholt sich die Konjunktur allerdings sehr viel langsamer als in Frankreich oder Deutschland. Der zögerliche Aufschwung ist nicht verwunderlich, denn der Lockdown wurde in Großbritannien erst Anfang Juni gelockert. Anfang Juli waren noch nicht alle Maßnahmen aufgehoben (Darstellung 2).

Abgesehen von dem verspäteten Neustart geben sich die von der Bank of England befragten Unternehmen auch in Bezug auf die Wachstumsprognose vorsichtig. Sie rechnen vor 2021 nicht mit einer Normalisierung des Umsatzes, der Beschäftigung oder der Investitionen. Obwohl das am 8. Juli angekündigte Konjunkturprogramm die Erholung ankurbeln sollte, dürfte das Investitionsverhalten der Unternehmen sie bremsen. Die Nachfrage bleibt schwach. Zudem belastet die Ungewissheit infolge des Brexits das Geschäftsklima (Darstellungen 3 und 4). Aus diesem Grund gewinnt die Wirtschaft voraussichtlich nur sehr langsam wieder an Fahrt. Im Durchschnitt dürfte das BIP im Jahr 2020 um etwas mehr als 10 Prozent sinken.

Neben der Ungewissheit über den Ausgang der Pandemie – im nächsten Winter ist eine zweite Welle nicht auszuschließen – spielt das Ergebnis der Brexit-Verhandlungen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der britischen Konjunktur im kommenden Jahr. Ende Juni meinte die Regierung, sie habe nicht vor, eine Verlängerung der Übergangsperiode nach dem 31. Dezember 2020 zu beantragen (Inhalt des Ratifizierungsprozesses). Jetzt geht es darum, die Verhandlungen mit der Europäischen Union bis spätestens Oktober abzuwickeln. Doch sind die Gesprächspartner sich immer noch nicht über einige wichtige Punkte einig, etwa die Rolle des Europäischen Gerichtshofs, die Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs (level playing field) und die Fischfangrechte in britischen Gewässern. Ist ein Kompromiss zwischen den beiden Parteien unmöglich, verlässt Großbritannien die EU ohne Abkommen. Dann gelten die Vorschriften und Zölle der Welthandelsorganisation. Obwohl die britische Regierung immer wieder das Gegenteil behauptet, würde ein harter Brexit die bereits tiefe Krise durch das Coronavirus weiter verschärfen. Dann dürfte die britische Wirtschaft nicht in der Lage sein, 2021 wieder das Niveau zu erreichen, das sie vor der Pandemie hatte.