07 NOV

2019

Zuweisung von Vermögenswerten , Brexit , Stefan Keller , Themen

Das Verhältnis der Brexit-Risiken hat sich verändert

Im Oktober änderte Candriam die Einschätzung des britischen Marktes. Nach der Neutralisierung der Short-Position im GBP in unseren Portfolios Anfang Oktober beschlossen wir im Laufe des Monats, auch die Untergewichtung britischer Aktien in den von uns verwalteten Portfolios auf eine neutrale Ausrichtung abzuändern. Candriam hatte während der gesamten Brexit-Episode eine Untergewichtung gehalten, schon vor dem Referendum im Juni 2016.


Seit dem Amtsantritt von Boris Johnson Ende Juli hat sich die Wahrscheinlichkeit deutlich verringert, dass ein britischer EU-Austritt ohne Abkommen Ende Oktober – oder danach – zu einem Kurseinbruch führt. Unseren Analysen zufolge ist das britische Pfund das beste Barometer für dieses Risiko. Daher haben wir das Short-Engagement im GBP schnell beendet, als sich erste Anzeichen einer allgemeinen Bereitschaft zur Lösung der festgefahrenen Situation zeigten. Wir sehen den Rückgang der Brexit-Risikoprämie als positiven Impuls für britische Inlandsaktien an, die weniger unter einer Aufwertung des GBP leiden dürften als die in London notierten Large Caps mit ihren internationalen Engagements.

Nachdem in Italien eine Pro-Euro-Regierung das Ruder übernommen hat und sich beim Brexit eine (mögliche) Lösung abzeichnet, hat sich das politische Risiko in Europa verringert. Mit Blick auf die weitere Entwicklung bedeutet dies, dass zwei bedeutende potenzielle Wachstumsschocks praktisch von der Bildfläche verschwunden sind, womit Anlagen für nicht-europäische Anleger attraktiver geworden sind. Außerdem halten die Anleger offenbar eine zu geringe Allokation in Großbritannien. Die jüngsten Zuflüsse in gesamteuropäische Anlagefonds bestätigen diese Einschätzung.

Darüber hinaus erkennen wir attraktive relative Bewertungen, die die Auswirkungen des Brexit bereits vorwegnehmen. Vor allem durch den negativen Effekt des drohenden „No-Deal-Brexit“ während der Sommermonate wurden die relativen Bewertungen des britischen Markts um eine Standardabweichung unter den langfristigen Durchschnitt gegenüber dem breiteren europäischen Aktienuniversum gedrückt.

Aufgrund des politischen Wirbels ist die künftige Entwicklung schwer abzusehen. Die Möglichkeiten reichen vom Abkommen von Premierminister Johnson bis zu überhaupt keinem Brexit. Vor den Parlamentswahlen am 12. Dezember ist mit gewissen kurzfristigen Schwankungen des GBP und britischer Vermögenswerte zu rechnen. Auf mittlere Sicht deutet das Risikoverhältnis unserer Meinung nach jedoch nicht mehr auf eine Abwärtsbewegung des britischen Pfunds und britischer Vermögenswerte hin.

Abbildung 1
Europäische Aktienfonds verzeichneten in den letzten zwei Wochen Zuflüsse

Source : BofAML, Candriam

Abbildung 2
Die Bewertungen des britischen Aktienmarktes nahmen in den letzten Jahren eine Menge negativer Meldungen vorweg

Source : Refinitiv, Candriam