01 MRZ

2018

Aktien , Themen

Brasilien: Auch eine 1000-Meilen-Reise muss mit einem ersten Schritt beginnen

Es war ein Höllenritt. Aber seit der Amtsenthebung von Dilma Rousseff vor rund zwei Jahren hat sich die Wirtschaftslage Brasiliens erheblich verbessert. Dem Land ist es gelungen, die Folgen der Misswirtschaft und enorme Ungleichgewichte zu beseitigen, während es sich gleichzeitig mit dem größten Korruptionsskandal seiner Geschichte befassen musste. 

Die derzeitigen Regierungsmitglieder sind keine Heiligen. Sie haben aber ein kompetentes Wirtschaftsteam eingesetzt und eine Reihe kleiner Reformen durch den Kongress gebracht, sodass die Investoren den lateinamerikanischen Riesen heute wieder auf dem Radar haben. Brasilien befindet sich zurzeit in einer perfekten Phase des Konjunkturzyklus und verfolgt eine traditionelle Geldpolitik mit konventionellen Mitteln. Das Wachstum ist in diesem Jahr auf einen neuen Höchststand gestiegen, der Arbeitsmarkt verbessert sich und das Verbrauchervertrauen nimmt zu. Zugleich sind die Zinsen dank der gemäßigten Inflation und der stabilen Währung so niedrig wie nie. 

Dennoch sind weitere Fortschritte nötig, um die Schuldensituation in den Griff zu bekommen. Die zurzeit diskutierte Rentenreform, die auf starken Widerstand stößt, spielt dabei eine wichtige Rolle. Der Zeitpunkt ist nicht ideal. Kurzfristig denkende Politiker fürchten die diesjährigen Wahlen. Die Investoren sind dennoch relativ nachsichtig und hoffen, dass schon bald eine Lösung gefunden wird. 

Keiner will seine Chance verpassen. Mit der Bestätigung der Verurteilung Lulas wegen Korruption und Geldwäsche ist ein langfristiges Risiko beseitigt.  Da es keine ernstzunehmenden Gegenkandidaten gibt, setzt sogar Präsident Temer auf eine weitere Amtszeit – trotz der schwachen Zustimmungsquote von 5%. Mit Ausnahme des Kongressabgeordneten Jair Bolsonaro erreichen die anderen Anwärter in zweifelhaften Umfragen peinlich geringe Stimmanteile im unteren einstelligen Bereich. Die Wahl wird erst im Oktober stattfinden. Uns erwartet also das offenste Rennen um das Präsidentenamt seit Jahrzehnten. 

Chronische Korruption, ein gescheitertes politisches System, Gewalt sowie öffentliche Dienstleistungen und eine Infrastruktur in Dritte-Welt-Qualität sind schon lange die Themen, die es anzugehen gilt. Aber jede noch so lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt – und es sieht so aus, als sei die Katastrophe abgewendet worden. Die Investoren beginnen, sich wieder für das Land zu interessieren. Trotz der guten Entwicklung liegt Brasilien noch hinter vergleichbaren Ländern zurück. Angesichts der sich verbessernden Fundamentaldaten halten wir aber einige Titel für aussichtsreich.